2017: Deutschland – ein digitales Entwicklungsland

2017. Was für ein Jahr. In China erreicht ein Uber-Klon (Didi) eine Bewertung von 56 Milliarden US-Dollar. Die Kryptowährung Bitcoin erklimmt schwindelerregende Höhen. Und im Projekt AutoML hat Google eine KI-Software dazu gebracht, KI-Software zu schreiben. Mit anderen Worten: Es war ein gutes, ein bewegendes Jahr für alles Digitale. Wenn da nicht dieses kleine, unbeugsame Volk in der Mitte Europas wäre, das sich sehr beharrlich der Digitalisierung zu entziehen versucht: Deutschland.

Betrachtet man Deutschland und die Digitalisierung, muss man Sorgenfalten auf der Stirn bekommen. Nehmen wir zum Beispiel die gesamte Start-up-Ökonomie, in der Deutschland zusehends ins Hintertreffen gerät. Im internationalen Ranking der Start-up-Hauptstädte ist das selbst ernannte Silicon Germany – Berlin – jüngst aus den Top 10 der wichtigsten Start-up-Ökosysteme geflogen. Und selbst den Vorzeige-Gründern von Rocket Internet gehen mittlerweile die Ideen aus – statt selber zu züchten/gründen, setzt Oliver Samwer zukünftig verstärkt auf Investments in etabliertere Unternehmen. Apropos Investments: Während 2015 im Silicon Valley über 32 Milliarden an VC-Geldern geflossen sind, waren es im gleichen Zeitraum in Berlin gerade einmal 0,7.

Kein Wunder also, dass die viel beschworene Plattform-Ökonomie quasi ohne deutsche Beteiligung stattfindet. Der Gesamtanteil europäischen Kapitals an den 20 größten Plattformen beträgt 1,4 Prozent. Wenn überhaupt in Deutschland in die Digitalisierung investiert wird, dann in Sicherheit (natürlich) oder Effizienz. Nicht, dass das grundsätzlich falsch wäre – es sagt jedoch viel über die Prioritäten aus. Google, Amazon, facebook, Apple, Alibaba und Tencent – das sind die Player, die den digitalen Takt bestimmen. Speziell im Handel sieht es düster aus: Kaufland hat sich aus dem E-Commerce schon wieder zurückgezogen, die Zukunft von Rewe Digital scheint nach dem Abgang von JJ van Oosten ungewiss – während Amazon mit Fresh in den Markt drängt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die in den USA schon sichtbare und vielbeschworene „Retail Apocalypse“, das Aussterben der Malls und Shopping Center, auch Deutschland erreichen wird. Und das voraussichtlich ohne nennenswerte Gegenwehr: Im internationalen Omnichannel-Ranking von PwC landet das angebliche Hightech-Land Deutschland auf einem beschämenden 17. Platz.

Doch woran hapert es? Ist es wirklich nur eine Frage der Mentalität, sind wir Deutschen insgesamt einfach zu risikoscheu? Nein. Wir scheitern schon bei den Rahmenbedingungen – allen voran der Infrastruktur. Als im Mai die Telekom auf Twitter im Rahmen einer Marketingaktion fragte, „Was machst du mit 4GB?“, antwortete ein User sarkastisch „Mich fragen, warum ich nicht wie in Frankreich 100GB für 20€ monatlich haben kann…“ In kaum einem anderen Land ist mobiles Datenvolumen so teuer wie in Deutschland. Und auch beim Breitbandausbau hinkt Deutschland gewaltig hinterher. Mit durchschnittlichen 15,3 Mbit/s befinden wir uns im internationalen Vergleich auf Platz 25, angeführt wird die Liste von Südkorea (28,6 Mbit/s), Norwegen und Schweden.

Was also ist zu tun?

Zunächst einmal brauchen wir eine andere Diskussion. Weg von den Risiken der Digitalisierung hin zu ihren Chancen. Als zweites benötigen wir ein massives Umdenken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Frei nach Bertolt Brecht: Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft, hat schon verloren. Wir werden in der Digitalisierung definitiv nicht zu den Gewinnern gehören, wenn wir den US-amerikanischen und chinesischen Unternehmen weiterhin das Feld überlassen. Und drittens müssen wir vor allem anfangen, etwas zu tun – angefangen beim Breitbandausbau bis hin zu einer gründerfreundlichen Kultur. Anfangen aber auch bei der „DNA unserer Manager“. Trotz vieler Initiativen habe ich auch in diesem Jahr wieder zu oft Zweifel und Zögern wahrgenommen, eine mir an dieser Stelle unverständliche Haltung die eher auf das Abwarten, als auf das Ausprobieren ausgerichtet war. Iteratives (agiles) Vorgehen sollte nicht nur die neue Maßgabe im Projektmanagement sein, sondern auch in der Denke der sogenannten Strategen Einzug halten und zwar wahrhaftig und nicht als ein falsch verstandenes Hype-Thema.

Digitalisierung jedenfalls bietet eine wunderbare Spielwiese um sich agil auszuprobieren. Neues zu „pullen“ ist allemal besser als „Altes“ weiter zu „pushen“.